KI im Bildjournalismus: Synthetische Pressebilder?!

Besonders im Bereich der Dokumentar- und Reportage- sowie der Pressefotografie werden KI-generierte, fotorealistische Bilder problematisch gesehen. Aktuell zeigt sich, wie Bildagenturen, Fotografen und Organisationen reagieren.

Seit 68 Jahren fördert die World Press Photo Foundation (WPP) die Arbeit und das Engagement von Fotojournalisten. Sie hat ethische Standards festgelegt, die für die Wahrung der Integrität ihrer Arbeit entscheidend sind. In Zeiten der viralen Desinformation sind diese Standards heute wichtiger denn je. Mitte November hatte die Stiftung jedoch angekündigt, dass mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) bearbeitete Bilder in der Open-Kategorie des Wettbewerbs zugelassen sein sollten. Damit nicht genug: Außerdem hat WPP mit KI-generierten Bildern in seinem Instagram-Feed geworben.

„Solche Bilder haben aber keinerlei Bezug zur realen Welt. Diese Verbindung ist der Kern fotojournalistischer Praxis sowie des Journalismus im Allgemeinen“, schrieb daraufhin eine Gruppe früherer WPP-Gewinner, Juroren, Bildredakteure und Anderer in einem offenen Brief und forderte die Organisation auf, die Zulassung von KI in jeglicher Form für den Wettbewerb zu überdenken. Nur wenige Tage später ruderte World Press Photo zurück: KI-generierte Bilder sind beim World Press Photo Contest 2024 ausgeschlossen.

Fotorat warnt

Während dessen hat der aktuelle Nahostkonflikt zu einem enormen Anstieg im Angebot von KI-generiertem Bildmaterial geführt, das sich auf diese Ereignisse bezieht. Diese mutmaßlichen Kriegsbilder sind in vielen Fällen weder für Fachleute noch mit technischen Systemen zur Erkennung von KI-Bildern von authentischen Fotos zu unterscheiden.

Unter dem Schlagwort “Gaza” findet man beispielsweise auf der Plattform von Adobe Stock, einer der führenden Bilddatenbanken, KI-generierte fotorealistische Bilder von zerstörten Städten, hoch emotionale Bilder von Kindern in Trümmerlandschaften oder Portraits von bärtigen Bewaffneten, die in der Bildbeschreibung als “Hamas-Krieger” bezeichnet werden.

Die Bilder werden gleichrangig mit echtem Fotomaterial angeboten, identisch verschlagwortet und in vielen Fällen inhaltlich ähnlich beschrieben.

Dazu der Deutsche Fotorat: „Die Gefahr ist hoch, dass beim Erwerb solcher Bilder, trotz KI-Hinweis beim Anbieter, Kennzeichen der künstlichen Generierung in den weiteren Redaktions-Prozessen bis zur Veröffentlichung übersehen oder gar ignoriert werden. Wenn KI-Bilder gemeinsam mit Fotos im gleichen Umfeld veröffentlicht werden, suggeriert es Authentizität der synthetischen Bilder und schwächt die Glaubwürdigkeit der realen Fotos.

Allein der Verdacht auf irreführende KI-Bilder im Journalismus löst bei MediennutzerInnen einen unumkehrbaren Vertrauensverlust aus.“

Der Deutsche Fotorat hat bereits im April mit seinem Positionspapier zu KI auf die Gefahren für den gesellschaftlichen Diskurs hingewiesen. Im Licht der aktuellen Situation präzisiert er seine Forderungen: „Auch wenn es legitime Gründe geben kann, allgemeingültige Symbolbilder von Konflikten oder Kampfhandlungen mithilfe von KI-Bildgeneratoren zu erzeugen und anzubieten, müssen es Bildanbieter unterlassen, solche fiktiven Bilder durch Verschlagwortung oder Bildbeschriftung konkreten realen Geschehnissen zuzuordnen. Es ist irreführend und stiftet zu Missbrauch an, beispielsweise KI-Bilder von zerstörten Städten als “Stadt im Gaza-Streifen” oder synthetische Bilder von Bewaffneten als “Hamas Rebellen” zu betiteln. Die bloße Kennzeichnung von KI-Bildern beim Vertrieb von Bildrechten reicht nicht aus, wenn sonstige Bildinformationen nicht von denen realer Fotos zu unterscheiden sind.“

Daher fordert der Fotorat ein klares Nein zur Verwendung von KI-Bildern in der Berichterstattung: „Journalistisch arbeitende Medien müssen sich klare Richtlinien geben, die den Einsatz von KI-Bildern in irgendeinem Zusammenhang mit der Berichterstattung über Ereignisse des Tagesgeschehens prinzipiell ausschließen. Bildmaterial muss vor der Veröffentlichung auf seine Authentizität überprüft werden. Die Richtlinien der Redaktionen müssen transparent für Mediennutzer kommuniziert werden. Es darf nicht die Pflicht der Mediennutzer sein, sich der Authentizität jeder Abbildung anhand von etwaigen Kennzeichnungen in Bildunterzeilen zu vergewissern.“ Der Fotorat regt daheran, den Kodex des Deutschen Presserats zum Einsatz von Symbolbildern hinsichtlich KI-generierter Bilder zu präzisieren.

„Auch bei der Nutzung von KI-Bildern in Veröffentlichungen von öffentlichen Stellen, NGOs oder Parteien ist besondere Verantwortung geboten, da Nutzer diesen Quellen besonderes Vertrauen entgegenbringen. Hier müssen Symbolbilder, insbesondere mit KI generierte fotorealistische Bilder, deutlich als solche gekennzeichnet werden. Der Deutsche Fotorat fordert Verantwortliche auf, in jedem Einzelfall zu erwägen, ob ein möglicherweise besonders wirksames KI-Bild wirklich eine sinnvolle Funktion hat, oder der Einsatz nicht eher aus Bequemlichkeit oder Kostendruck geschieht. Im Zweifel ist ein authentisches Bild vorzuziehen“, so die Dachorganisation führender Fotografenverbände.

 

Pariser Charta

In eine ähnliche Richtung zielt die Mitte November anlässlich des Pariser Friedensforums veröffentlichte Pariser Charta für KI und Journalismus. Erarbeitet wurde die Charta durch eine von Reporter ohne Grenzen (RSF) initiierten Kommission unter dem Vorsitz der Journalistin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa in Kooperation mit Organisationen, Experten für künstliche Intelligenz, Medienvertretern und Journalisten. Das Ziel: eine Reihe grundlegender ethischer Prinzipien festzulegen, um die Integrität von Nachrichten und Informationen im Zeitalter der KI zu schützen.

Maria Ressa: “Künstliche Intelligenz könnte der Menschheit bemerkenswerte Dienste leisten, aber sie hat eindeutig das Potenzial, die Manipulation von Gedanken in einem noch nie dagewesenen Ausmaß zu verstärken. Die Charta von Paris ist die erste internationale ethische Richtschnur für KI und Journalismus. Faktische Beweise, eine klare Unterscheidung zwischen authentischen und synthetischen Inhalten, redaktionelle Unabhängigkeit und menschliche Verantwortung werden die wichtigsten Garantien für das Recht auf zuverlässige Nachrichten und Informationen im Zeitalter der KI sein. Mehr denn je benötigt der Journalismus eine solide und allgemein anerkannte ethische Grundlage.”

https://www.worldpressphoto.org

www.deutscher-fotorat.de

https://rsf.org/en/rsf-and-16-partners-unveil-paris-charter-ai-and-journalism